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Kommentar zum Hamann Briefwechsel

Johann Georg Hamann (1730-1788) ist einer der großen, hochgebildeten, die abendländische Tradition überschauender Kritiker der Moderne, ihrer Philosophie und neueren Wissenschaften. Seine Wirkungsgeschichte reicht von Kant, Mendelssohn, Herder, Goethe, Hegel, Schelling und Kierkegaard in die Theologie und Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts. Mit seiner frühen Einsicht in die Dialektik der Aufklärung  ist er von erheblicher Aktualität. Nach einer ersten Gesamtausgabe (durch Friedrich Roth, 1821-1842) blieb eine kritische Edition das Desiderat der geistesgeschichtlichen Forschung. Mit einer solchen beauftragten 1927 die Preußische Akademie der Wissenschaften und die Königsberger Gelehrte Gesellschaft die in Königsberg lehrenden Germanisten Josef Nadler (für die Werke) und Walter Ziesemer (für die Briefe). Die Zeitläufte waren dem Vorhaben nicht günstig, im 2. Weltkrieg und seinen Folgen wurden fast alle Königsberger Materialien vernichtet, aber auch die bereits beim Inselverlag in Leipzig lagernden gedruckten ersten zwei und die in der Setzerei befindlichen beiden folgenden Briefbände. Nadler konnte aufgrund seiner Materialkopien die Werkausgabe (1949-1957) vollenden, der Tod Walther Ziesemers 1951 verzögerte die Briefausgabe. 1954 erhielt Arthur Henkel vom Inselverlag Frankfurt/Main den Auftrag, den Neudruck der damals fertigen Bände zu übernehmen (1955/6) und die Ausgabe mit den Bänden III-VII fortzusetzen und zum Druck zu bringen. Über die schwierige editorische Arbeit neben der Lehrtätigkeit Henkels in Marburg, Göttingen und als Heidelberger Ordinarius geben die Vorreden der Briefbände Auskunft und nennen hilfreiche Mitarbeiter. Die Edition wurde 1979 abgeschlossen: Johann Georg Hamann Briefwechsel. Band I-III hg. von Walther Ziesemer und Arthur Henkel, Band IV -VII hg. von Arthur Henkel. Frankfurt/Main 1955-1979.

War die Bedeutung Hamanns unbestritten, so galt dies erst recht für die Schwierigkeit der Lektüre. Die assoziative Logik seines Schreibens, das einfache Formulierung zu meiden schien, der Reichtum an Anspielungen und die Doppelsinnigkeiten des Stils brachten seine Adressaten nicht selten ins Grübeln. Für Goethe war Hamann der „hellste Kopf zu seiner Zeit“, nur dass bereits diese Charakterisierung ein aber im Gefolge hatte: Hamann sei vielen dunkel und mystisch erschienen. Die Begründung, „er habe immer biblische Sprüche und Stellen aus den Alten wie Masken vorgehalten“ trifft denn auch nur eine Seite des Hamannschen Stils. Eine andere ist in seiner Strategie indirekter Mitteilung zu finden, in Verrätselungen, Manierismen, Zitatspielen und Ironisierungen. Somit verstand sich bereits bei der Edition der Wunsch nach Erläuterung und Verstehenshilfe von selbst, die bei der Edition sich ergebenden bibliographischen Daten wurden als Grundlage einer späteren Kommentierung gesammelt. Ihr kontinuierlicher nachzukommen ergab sich für Henkel nach der Emeritierung (1980). Unterstützt wurde die Recherche mit Personal- und Sachmitteln  durch die DFG, die während der Briefedition ein Forschungssemester bewilligt (und den Druckkosten Erhebliches beigesteuert) hatte, die Gerda-Henkel-Stiftung, die KulturStiftung der Länder und die Klosterkammer Hannover. 1987 nahm die Heidelberger Akademie der Wissenschaften Henkels Arbeit unter ihre Vorhaben auf mit der Finanzierung einer Mitarbeiterstelle für drei, dann zwei Jahre. Zum 200. Todesjahr Hamanns zeigte eine Auswahl von 50 kommentierten Briefe die Komplexität des Vorhabens (Johann Georg Hamann Briefe. Ausgewählt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Arthur Henkel. Insel Verlag Frankfurt am Main 1988).

Allerdings wurde die Arbeit aus verschiedensten Gründen immer wieder unterbrochen, durch andere Verpflichtungen und den Wegfall der Mitarbeiterstelle; durch die (im Zeitalter reichhaltigster Digitalisate heute kaum mehr vorstellbaren) Schwierigkeiten der Bibliotheksrecherche, der Fernleihe und der Unauffindbarkeit der Bücher und Aufsätze, die Hamann gelesen hatte und die der Kommentator hätte lesen sollen. Versuche, andere Forscher in die Kommentierungsarbeit einzubinden, scheiterten; dazu kamen die Lasten des Alters. Auch die Umstellung vom geplanten Buchdruck auf neuere Veröffentlichungsmedien kostete viel Zeit. Kurz vor seinem Tod 2005 vertraute Henkel die bis dahin erarbeitete, also nicht abgeschlossene Kommentierungsarbeit der Theodor Springmann Stiftung an, zur technischen und pflegerischen Betreuung. In der Folge dieser Betreuung rückte die Digitalisierung des Briefcorpus mehr und mehr ins Zentrum der Stiftungsaktivität. Die ehemalige Mitarbeiterin fühlte sich der Weiterführung und Überarbeitung von Kommentar und Registern verpflichtet, so dass eine Trennung der Bereiche notwendig wurde. Die Kommentare und Register, die außerhalb dieser Seite im Netz zu finden sind, entsprechen nicht dem überarbeiteten Status.
Kommentiert waren die Bände I bis IV, für die Bände V und VI lagen Teilerläuterungen, Materialien und Notizen vor; Band VII war bis auf die in den Auswahlband aufgenommen Briefe unbearbeitet. Und selbstverständlich ergaben sich durch die Fortsetzung der Kommentierung notwendige Korrekturen, Veränderungen und Ergänzungen, die -mehrfach auch im Rückgriff- eine Revision des gesamten Materials notwendig machten. Der Benutzer wird Unterschiede im Fortgang des Kommentars feststellen, wenn -im Unterschied zu Henkels großer Kenntnis seines Autors- auf Deutung und Interpretation verzichtet wird. Sachinformationen und bestenfalls Winke des Vielleicht oder Vermutlich wollen ein besseres Verständnis möglich machen. Wo des Kommentators Wissen versagte, weisen die Platzhalter eines nicht ermittelt auf die Möglichkeit der Ergänzung durch den Leser. Zur allgemeinen Einleitung in die Phasen des Briefwechsel sind die Vorreden zu den Einzelbänden empfohlen.

Bei der Kommentierungsarbeit hatte sich gezeigt, dass der Stellenkommentar durch Register entlastet werden sollte, um Wiederholungen zu reduzieren und einen leichteren Zugriff auf die fast enzyklopädische Vielfalt von Personen, Werken, Schriften, Einzelschriften u.a. zu ermöglichen; klassische lateinische Zitate und Redewendungen und altgriechische Zitate werden in jeweils einem Register zusammengeführt, griechische Zitate auch in den Kommentar übernommen, andere fremdsprachige Zitate in der Regel im Stellenkommentar übersetzt. Ein weiteres Register listet die verschollenen, aber bezeugten Briefe im Briefwechsel auf. Verzichtet wurde auf ein Register der biblischen Zitate, die jeweils im Stellenkommentar genannt sind. Sie sind in der Regel zitiert nach: Grosse Konkordanz zur Lutherbibel. Stuttgart 1979; Bibel nach der deutschen Übersetzung D.Martin Luthers. Stuttgart 1938, Die Apokryphen der Lutherbibel nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart 1971, 1981. Werke Luthers sind nach der Weimarer Ausgabe (WA) wiedergegeben; zitiert Hamann die Vulgata, wird nur die Stelle angegeben. Der griechische Text des Neuen Testaments wurde von Eberhard Nestle übersetzt.

Sprachliche Eigenheiten, oft dem Ostpreußischen entnommen, orthographisch und semantisch befremdlich erscheinender Wortgebrauch wird, sofern notwendig, im Stellenkommentar erklärt, ebenso historische Wortformen und Eigenheiten der Groß- und Kleinschreibung. Auf vgl etc. wurde verzichtet, Verweisstellen (sowohl in Brief wie auch im Stellenkommentar) folgen auf den Einzelkommentar, ergänzende Parallelstellen sind mit auch oder siehe markiert.

Jedem Benutzer des Kommentars ist es dank der inzwischen reichhaltigen Digitalisierung der Quellen möglich, die Texte selbst nachzulesen, so dass eine ausführliche Zitierung im Kommentartext nicht erforderlich ist, bis auf Stellen, die im genuin Hamannschen Verfahren den fremden Text in den eigenen integrieren.

Neben Spezialuntersuchungen, die im Stellenkommentar erwähnt werden, wurden dankbar weitere Briefausgaben samt Kommentar herangezogen, Übernahmen besonders markiert: die mit Beginn der Kommentierung vorliegenden Bände der Herder-Briefe (Johann Gottfried Herder Briefe. Erster Band -Sechster Band. Bearbeitet von W. Dobbek (†) und G. Arnold. Weimar 1977/81) =HBGA; Bd.6 mit Briefen von August 1788-Dezember 1792 lag außerhalb des den BW Hamanns betreffenden Zeitraums. Die Fortsetzung dieser Ausgabe Bde. 7-9 [Weimar 1977-1988], Kommentarbände 11-16 [Weimar 2001-2012] konnte teilweise noch ergänzend befragt werden, vor allem das Register, Bd. 10. - Friedrich Heinrich Jacobi Briefwechsel [JBW]. Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Begründet von M. Brüggen und S. Sudhoff (†). Hg. u.a. von M. Brüggen, Heinz Gockel und P.-P. Schneider. Reihe I, ff.= Text, Reihe II,ff. = Kommentar (u.a. von R. Lauth, P. Bachmaier, A. Mues, I. Schmidt. Stuttgart/Bad Cannstatt 1981ff.

Besonders für die Hamann Briefbände VI und VII wird jeweils auf die Kommentarbände JBW II,4 und II, 5 verwiesen (im Kommentar von I. Huthmacher unter Mitwirkung von R. Paimann und J. Reibold. Stuttgart/Bad Cannnstatt 2014, wenn es um die Entstehung des Fliegenden Briefs geht, die Janina Reibold vorbildlich in Genese und Druckgeschichte des Hamannschen Textes dargestellt hat. Im Kommentar mehrfach zitierte Titel sind:
Johann Georg Hamann. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe von Josef Nadler. Thomas-Morus-Presse im Herder-Verlag Wien 1949-1957. Wuppertal[Brockhaus]; Tübingen[Antiquariat Willi]. Bd. I-VI[Nachdruck der Ausgabe 1949-57] 1999. Zitiert N und röm. Bandzahl, Seite, Zeile.

Josef Nadler, Johann Georg Hamann. Der Zeuge des Corpus mysticum. Salzburg[Otto Müller] 1949. Zitiert Nadler.

Josef Nadler, Die Hamann-Ausgabe. Vermächtnis-Bemühung-Vollzug. Halle/Saale[M. Niemeyer] 1930.

Johann Georg Hamanns Hauptschriften erklärt. Band 1-3, hg. v. F. Blanke und L. Schreiner; Bd. 4-7, hg. v. F. Blanke und K. Gründer [u.a. Gütersloh] 1956ff. Zitiert HHE.

Hamann´s Schriften, hg. von Friedrich Roth. Bd.1-7 Berlin 1821-1825; Bd. 8,1.2 Hg. v. G.A. Wiener. 1842-43. Zitiert Roth.

C.H. Gildemeister, Johann Georg Hamann´s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha[Perthes] 1857-1873. (Bd.1-3 18752). Zitiert Gildemeister.

Friedrich Heinrich Jacobi´s Werke. Sechs Bde. (ab Bd. IV hg v. F. Köppen u. F. Roth). Leipzig 1812-1825.

Herders sämtliche Werke. Hg v. B. Suphan. Bd.I-XXXIII. Berlin 1877-1913. Zitiert SWS (Band-Nr. im Register der besseren Lesbarkeit wegen auch mit arab. Ziffern aufgenommen).

Kant´s gesammelte Schriften, herausgegeben von der Königlich  Preußischen Akademie der Wissenschaften. Erste Abtheilung: Werke. Zweite Abtheilung: Briefe. Berlin[Gruyter] 1900ff. Zitiert Kant AA u. röm. Bandzählung.

Lessings sämtliche Schriften, hg.v. K. Lachmann. 3.Auflage durch F. Muncker. 23 Bde., Stuttgart/Berlin/Leipzig 1886-1924. Zitiert lachmann-Muncker.

Goethes Werke. Sophienausgabe Weimar 1890-1904. Zitiert Goethe WA.

Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften, Jubiläumsausgabe. Bd.11=Briefwechsel I (1754-1762). Bearbeitet von Bruno Strauss; Bd. 12/1 BW II,1 (1763-1770); Bd. 12/2 BW II,2(1771-1780); Bd.13 BW III (1781-1785), bearbeitet jeweils von Alexander Altmann. Stuttgart/Bad Cannstatt 1976/7.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 1-33. Nachdruck der Erstausgabe 1971. 1984 München[Deutscher Taschenbuch Verlag]. Zitiert Grimm DW.

Herder nach seinem Leben und seinen Werken dargestellt von R. Haym. Bd.I/II. Berlin 1880. 1885. Zitiert Haym.

R.Unger, Hamann und die Aufklärung. Bd.I u. II. Jena[Diederichs] 1911. Zitiert Unger.

Matthias Claudius, Botengänge. Briefe an Freunde. Hg.v. H. Jessen. 1938[Eckart]. Zitiert Jessen.

Wörterbuch der Münzkunde. In Verbindung mit N. Bauer, K. Regling u.a. Hg. v. Friedrich Frhr. v. Schrötter. 2.unveränderte Auflage. Berlin[de Gruyter&Co]. Zitiert Schrötter.

Für grundsätzlichen Einblick in die Hamann-Literatur sorgen Lothar Schreiner: Bibliographie der Hamannforschung, in: J.G. Hamanns Hauptschriften erklärt Bd.1. Gütersloh 1956, S.141-176; Sven Aage Jørgensen: Johann Georg Hamann. Sammlung Metzler Band 143. Stuttgart 1976 und Elfriede Büchsel: Geschärfte Aufmerksamkeit-Hamannliteratur seit 1972, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literatur- und Geistesgeschichte. 60. Jg., 1986, Heft 3. Stuttgart 1986 sowie die Folge der Acta des Internationalen Hamann-Colloquiums seit 1976.